Dark Leadership – die dunkle Raute der Führung

Wissen, was Macht ist. Ein starkes Wort mit fünf Buchstaben.

Verwaltungsperformance in 24 Theaterstücken.

Der Münchner Theatermacher und Künstler Holger Dreissig hat zwischen 1992 und 2015 24 Theaterstücke auf die Bühne gebracht, die er Verwaltungsperformance nannte. In diesem auf 24 Jahre und 24 Stunden verteilten Zyklus setzte sich Holger Dreissig mit Verwaltungsirrsinn und mit dem auseinander, was sich nicht verwalten lässt. Den sicheren Tod vor Augen „versuchen wir, unser Leben zu verwalten, um dadurch scheinbar dem Tod zu entkommen.“1 Da wird von einem Betriebsausflug – dem Klassiker des Verwaltungshorrors – erzählt, von dem die Angestellten nicht mehr zurückkommen. Oder die Menschen büxen auf der Flucht vor der Verwaltung ins Weltall aus – ausgerechnet dorthin, denn es gibt, wie sich herausstellt, nichts Verwalteteres als das Verlassen unseres Planeten.2 Vielleicht hatte Max Weber Recht, als er auf die wirkliche Macht in den Händen der Bürokratie hinwies.

Die wahren Bürokraten der Macht. Analoges von Dark Leadership und Verwaltung.

Dark Leadership, durch die die pure Ego-Macht exerziert wird, und Verwaltungen, die Dienstwissen als Macht aufbauen, behüten, ausspielen – beide weisen Analogien auf. In der konzentrierten und sorgfältigen Gestaltung des persönlichen Machtspektrums und der Einflusszonen verwalten die Dark Leader ihre Machtbasis perfekt. Und es ist schon interessant, dass sich Narzissten, Psychopathen, Soziopathen und Machiavellisten gerne in Verwaltungen tummeln und deren voraussehbaren Prozeduren für ihre eigenen Zwecke und Karrieren nutzen. Sind die Dark Leader die wahren Bürokraten der Macht?

Wissen, was Macht ist.

Bisher haben wir bei der dunklen Raute der Führung auffällige und schwierige Typen im Blick. Da sind die vielen Narzissten, die um sich selbst kreisen und ihr manipulatives Machtsystem auf Anerkennung ausrichten. Dort haben wir die Psychopathen auf der Chefetage, die emotionsunfähigen Leader mit der ganz besonders zerrissenen Psyche. Kaum zu übersehen da auffällig die vielen Soziopathen, die auf ihre ebenso asoziale wie impulsive Art und Weise dunkle Ziele verfolgen.

Etwas ist allen gemeinsam: sie wollen herrschen, Einfluss haben, bestimmen, mächtig sein.

Das verbindet sie mit einem hohen Bevölkerungsanteil. Denn klar ist auch, dass an Machtbewusstsein an sich erst einmal nichts auszusetzen ist. Erst die Art der Ausführung – rücksichtslos und zerstörerisch – macht Machtpraxis zu dunkler Macht. Oder hat Macht im Allgemeinen auch so etwas wie einen dunklen Kern?

Theoretisches Chaos!

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han schreibt: „Hinsichtlich des Machtbegriffs herrscht immer noch ein theoretisches Chaos. Der Selbstverständlichkeit des Phänomens steht eine totale Unklarheit des Begriffs gegenüber. Für den einen bedeutet sie Unterdrückung. Für den anderen ist sie ein konstruktives Element der Kommunikation. Die juristische, die politische und die soziologische Vorstellung von der Macht stehen einander unversöhnt gegenüber. Die Macht wird bald mit der Freiheit, bald mit dem Zwang in Verbindung gebracht. Für die einen beruht die Macht auf dem gemeinsamen Handeln. Für die anderen steht sie mit dem Kampf in Beziehung. Die einen grenzen die Macht von der Gewalt scharf ab. Für die anderen ist die Gewalt nichts anderes als eine intensivierte Form der Macht. Die Macht wird bald mit dem Recht, bald mit der Willkür assoziiert.“3

Eine kleine Geschichtsstunde: Antike, Mittelalter, Neuzeit, 19. und 20. Jahrhundert.

Heute steht Geschichte auf dem Stundenplan. Ein Blick zurück lohnt. Denn das Verständnis davon, was Macht ist und impliziert, hat sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt und verändert. Als Spiegel seiner Zeit sind die jeweilige Machttheorie und die jeweilige Führungstheorie miteinander vernetzt. Durch die Narzissten-Analyse und den Blick auf die anderen Formen schärft sich unser Blick auf Macht. Die nächsten Abschnitte gehen auf wenige, wesentliche Machtheorien ein, und so erlauben wir uns diesmal eine historische Perspektive auf das bunte Machttreiben.

ANTIKE UND MITTELALTER.

In der antiken Geschichtsstunde behandeln wir den Melier-Dialog von Thukydides, lassen kurz Platon einfließen und beobachten die Wirkung des Christentums, das das gesamte Mittelalter prägt, aber auch das antike Erbe filternd bewahrt.

Ein Stück Angeber-Wissen: Der Melier-Dialog

Wie lichten wir das theoretische Chaos ein wenig, von dem Han berichtet? Von der Antike her! Es gibt wenig, wozu man in der Antike nichts findet. Elementare Fragen zum Menschen werden dort gestellt und beantwortet. Der griechische Historiker Thukydides (+ ca. 399 v.u.Z.) hat sich Zeit seines Lebens mit dem Menschen und seiner Natur auseinandergesetzt. (Berühmt wurde seine Unterscheidung zwischen Anlass und Ursache, die er in die Geschichtsschreibung eingeführt hat. Aber das nur nebenbei.)

Das Recht des Stärkeren. Thukydides wirkt.

Die Story, die bis heute nachhallt, findet sich im sogenannten Melier-Dialog des Thukydides. In diesem Stück Text aus dem Peloponnesischen Krieg, der den Krieg zwischen Athen und Sparta beschreibt und der auch tatsächlich stattfand (431-404 v. Chr.), geht es um das Recht des Stärkeren. Die körperliche und taktische Überlegenheit eines Stärkeren (der Kraft, des Einflusses nach) gegenüber einem Schwächeren qua Stärke, aus der sich sogar ein Recht ableitet, schlägt ein erstes Kapitel im großen Buch der Macht auf.

Die menschliche Natur und der Wille zur Macht.

Überlegenheit ist vergänglich. Damit der Stärkere nicht nur im Augenblick die Oberhand behält, muss er seine Macht sichern. Dazu begründet er seine Überlegenheit, zunächst im Argument. Der Melier-Dialog findet zwischen Vertretern der dunklen Seite der Macht, den Athenern, und den Bewohnern der spartanischen Kolonie auf der Insel Melos, den Meliern, statt; das sind die Guten, wenn man so will. Den Meliern als taktisch unterlegenen Partnern stehen drei Auswege aus der Situation offen: Aufgeben, neutral bleiben, den Kampf suchen.4 Dark Leadership sucht und will die Unterwerfung des Schwächeren. Auf ihr baut die dunkle Macht auf, nämlich auf der „Vorstellung einer gleichbleibenden menschlichen Natur, die von einem Willen zur Macht regiert wird“5.

Thukydides wirkt. Platon korrigiert. Christentum kennt beides.

Das Recht des Stärkeren behauptet sich in den Theorien neben der Philosophie Platons, der das Ideal der Gerechtigkeit herausarbeitet, und dem christlichen Liebesgebot. Aber sogar das Christentum ist widersprüchlich, wenn der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt: „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt.“6 Das begründete eine besonders im Mittelalter, aber auch in der beginnenden Neuzeit wirkmächtige Tradition der gottgewollten Obrigkeit. Sie hat das Machtdenken über viele Jahrhunderte geprägt.

NEUZEIT.

Um 1500 passiert etwas. Der Individualisierungsprozess setzt ein und wird immer intensiver. Der Bürger, das Individuum kommt in den Blick. Diese Bewegung, die das Mittelalter in seiner 1000jährigen Geschichte ablöst, ist auch 418 Jahre nach Ende des Mittelalters wirksam. Heute mehr denn je.7 Wir schauen auf Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes und John Locke. Danach betreten wir (wenig ehrfürchtig) das 19. und 20. Jahrhundert.

Frühe Neuzeit. Der Fürst der Finsternis.

Niccolò Machiavelli (+ 1527) ist kein Theologe und kein Philosoph. Er schaute sich als Pragmatiker der Macht ausschließlich ihre Wirkungen an, die er in seinem Werk „Il Principe“ (1513) beschreibt. Der Fürst sichert seine Machtposition, indem er kalkuliert und strategisch Gewalt einsetzt. Der Herrscher muss immer flexibel sein, sonst wäre er durchschaubar.8 Mehr zu Machiavelli und dem Machiavellismus in der Führung lesen Sie in einem unserer Folgebeiträge.

17. Jahrhundert. Ein Seeungeheuer bäumt sich vor uns auf.

Thomas Hobbes (+ 1679) legt ein eher positiven Machtbegriff vor. Er wählt die Figur des Leviathan, ein Seeungeheuer, das die ungeteilte Macht des Staates symbolisiert. Im Melier-Dialog haben wir gelernt, dass die menschliche Natur auf Macht hin strukturiert ist. Hobbes lehrt nun, dass wir unsere Macht, die wir als Menschen haben, auf den Staat übertragen. Wir geben sie per Gesellschaftsvertrag ab und können sie nicht einfach wieder zurückholen. Der Staat sichert uns sozusagen vor Dark Leadership – außer er wandert selbst zur dunklen Seite der Macht und wird gewalttätig; darauf wies John Locke hin, der Hobbes’ Theorie weiterentwickelt hat.9

19. JAHRHUNDERT.

Das 19. Jahrhundert liegt uns näher als wir denken und auch in Sachen Macht tut sich einiges. John Acton formuliert: Macht korrumpiert. Max Weber definiert: Macht als Durchsetzung. Mit Nietzsche kippt die Machttheorie in interessante Untiefen und die Geschichte bereitet sich auf die größten Katastrophen der Menschheit vor.

Angekommen in der Neuzeit. Zweimal Macht in zwei Sätzen.

Der ‚wirkmächtigste Satz’ in der Theoriegeschichte der Macht stammt laut Andreas Anter von John Acton (+ 1811): „Power tends to corrupt and absolute power tends to corrupt absolutely.“10 Macht korrumpiert. Der Mensch verändert sich durch Macht negativ.11 Noch wirkungsvoller war und ist der Satz des Soziologen Max Weber (+ 1920): „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“12 Auch hier allem voran: der menschliche Wille, der sich Geltung verschafft und dazu keine Zustimmung von außen benötigt.

Asymmetrie. Macht bedeutet jede Chance, seinen Willen durchzusetzen.

Max Weber ist für alle Machttheorien zentral. Seine Definition findet sich überall zitiert: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Das Wort ‚Widerstreben’ – also nicht Zustimmung – war mit Sicherheit prägend für das Machtverständnis, das sich auf Weber aufbauend etablierte. Macht ist Weber zufolge asymmetrisch. Es geht immer um ein Ungleichgewicht innerhalb der sozialen Beziehung. Außerdem ist sie situationsgebunden: Kein Machthaber, der heute fest im Sattel sitzt, weiß, wie es morgen aussieht.14

Ende des 19. Jahrhunderts. Es beginnt zu kippen. Die unstillbare Machtgier.

Wenn wir Macht sagen, kommen wir an Friedrich Nietzsche (+ 1900) nicht vorbei. Er treibt auf der Grundlage des Melier-Dialogs das Recht des Stärkeren bei der Frage „Was ist gut?“ auf die Spitze: „Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.“15 Dabei ist der Philosoph Nietzsche natürlich viel zu schlau, sich mit einer solchen Gleichung zu begnügen. Denn aus dem Etwas-Wollen kommen wir nicht heraus: „Auch das Schöpferische bedarf des Willens zum Schöpferischen. Wenn es einen Münchhausen-Effekt gibt, dann ist er hier zu finden: ein Leben, das sich selbst will, kann sich aus seinen Verdüsterungen (…) herausziehen. Was ist der Wille zur Macht, fragt Zarathustra und antwortet: Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es eure letzte Hoffnung und Trunkenheit (…).“16

Der dunkle Münchhausen.

Wille zur Macht ist Wille zur Macht über sich selbst.17 Gerade die Dark Leader schaffen es offenbar, den (in diesem Falle dunklen) Trieb in sich voll auszugestalten und ihm entscheidende Lebensprozesse zu unterwerfen und taktisch-rücksichtslos, impulsiv-brutal oder leicht bis ausgeprägt größenwahnsinnig durchs Leben zu gehen. Den Münchhausen-Effekt, den Safranski beim Willen zur Macht erkennt, gibt es wohl zweifach. Einmal als Kunst, sich aus eigener Kraft aus etwas Unangenehmem zu befreien. Und als ureigene dysfunktionale Entscheidung, sich selbst allen anderen entgegenzusetzen. Das wäre dann der dunkle Münchhausen.

Was Nietzsche betrifft, so halten wir fest: Sein Gedanke, die Welt sei durch und nur durch den Willen zur Macht zu verstehen, hatte eine äußerst starke Wirkung. Nach Nietzsche denken wir über Macht anders als vor ihm. Seine Theorie des Willens zur Macht hat uns irgendwie irritiert, vor allem, weil uns allen ihr wahrer Kern klar ist. Besonders deutlich tritt uns dieser wahre Kern im Dark Leadership entgegen. Nietzsches Willen zur Macht ist ein quasi metaphysisches Unruhe-Grundprinzip: „Es muß das Herz der Unruhe, vielleicht sogar ein Herz der Finsternis sein. Wer den Willen zur Macht als Triebgrund entdeckt, wird eben darum von ihm um so heftiger ergriffen und getrieben. Außerdem gibt es den Willen zur Macht nicht im Singular, sondern nur im Plural.“18

20. JAHRHUNDERT.

Das 20. Jahrhundert, das mit Nietzsches Tod beginnt, ist ein dunkles Jahrhundert. Kriege, Gewalt, Faschismus, Stalinismus, Machtmissbrauch sind seine Namen. Denker wie Hannah Arendt, Norbert Elias, Niklas Luhmann und Michel Foucault setzen sich mit Macht auseinander und entwickeln ein differenziertes Bild. Es ist aber auch das Jahrhundert der Psychologie, und wir zeigen mit Hilfe des Stanford Experiments, zu was Menschen in der Lage sind. Mit einem einfachen Selbstcheck beschließen wir unsere Geschichtsstunde.

Macht ist nicht Gewalt. Hannah Arendt.

Die Philosophin Hannah Arendt (+ 1975) setzte sich wie wenig andere mit Faschismus und Nationalsozialismus auseinander, den größten Dark Leader aller Zeiten immer vor Augen (womit wir nicht den Teufel selbst meinen). Sie gibt dem Verständnis von Macht eine andere Wendung. Ihr Votum ist, dass Macht und Gewalt nichts miteinander zu tun haben. Macht wird positiv gesehen, sie entsteht im menschlichen Handeln und existiert nur darin.19 Gewalt ist dasjenige, was entfremdet und dunkel ist.

Das Ende der Zivilisation? Die Schubumkehr durch Dark Leadership.

Ist Dark Leadership eine Umkehr der Zivilisation? Der Soziologe Norbert Elias (+ 1990) beobachtete, wie beim Zivilisieren von Strukturen und von menschlicher Persönlichkeit etwas passiert. Mussten früher den Menschen Manieren beigebracht werden, so braucht es heute keine „Manierenbücher“ mehr, wir haben gelernt, unsere Affekte unter Kontrolle zu bringen.20 Ist Dark Leadership vielleicht eine Schubumkehr der Zivilisation, eine Art Anti-Zivilisation? Eine Wiederkehr des Fremdzwangs, weil sich Narzisst, Psychopath, Soziopath und Machiavellist nicht selbst disziplinieren möchten?

Die Rolle färbt ab. Das Stanford-Gefängnis-Experiment.

Das Stanford-Gefängnis-Experiment von 1971 hat gezeigt, „dass Machtdynamiken rollengebunden und weitestgehend personenunabhängig sind“.21 Rolle färbt ab. In dieser u.a. von Philip Zimbardo durchgeführten Versuchsanordnung wurde getestet, wie der Mensch in der Gefangenschaft reagiert. So ergibt sich für unser Machtverständnis eine weitere Silhouette: Es ist offenbar nicht allein die genetische oder psychologische Disposition, die die Lust an der Macht fördert, sondern auch die jeweilige Rolle. Eine mächtige Rolle kann dazu verführen, andere brutal zu unterdrücken.

Codename Macht. Luhmanns symbolische Codes.

Am Sozialwissenschaftler Niklas Luhmann (+ 1998) kommen wir nicht vorbei. Er hat die sogenannte Systemtheorie wesentlich vorangetrieben. Diese ist in etwa der Versuch, „die Funktionsweise all dieser Ordnungen – Recht, Wirtschaft oder Wissenschaft – auf einer sehr abstrakten Ebene begreiflich zu machen“22. Für Luhmann ist Macht ein Code, der Kommunikationen steuert.23 Ein Machtverhältnis kommt zustande, „wenn das Verhalten der Beteiligten sich einem symbolischen Code zuordnet, der eine Situation als Machtsituation beschreibt“24. Macht ist für Luhmann etwas Positives. Es lässt sich eine Brücke zu Hannah Arendt schlagen, für die Macht dort am größten ist, wo sie ganz ohne Gewalt und Gewaltandrohung auskommt.25

Worauf zielt Macht? Worauf zielt Gewalt? Foucault.

Der französische Philosoph Michel Foucault (+ 1984) geht in eine ähnliche Richtung und interpretiert Macht als grundlegendes Konstitutionsprinzip moderner Gesellschaften.26 „Führung“ erfasse am besten das Spezifische der Machtbeziehungen.27 Er geht sogar so weit, dass er Macht eine Prozedur zur Ausbildung von Identität nennt.28 Was wir daraus lernen können, ist: Machtbeziehungen wirken auf das Handeln ein, während Gewalt auf Körper und Dinge einwirkt. Diese Unterscheidung findet sich bei Foucault genauso wie bei Hannah Arendt.29

Kurze Pause und Selbstcheck. Schnelles Zwischenfazit: Macht ist nicht nur einfach Macht.

Macht und Gewalt scheinen unterschiedliche Dinge zu sein. Für Macht ist die soziale Beziehung charakteristisch, sie entsteht Hannah Arendt zufolge im Handeln. Noch ein Schritt weiter. Macht entsteht im Kopf der Machtunterworfenen: „Wie z.B. das Verhalten einer Führungskraft erlebt wird und ob darauf mit Folgebereitschaft oder Widerstand reagiert wird, hängt vor allem von der Interpretation des einzelnen Mitarbeiters ab.“30 Wo genau wird Macht dysfunktional?31

  • Machtdemonstration ist eine kaschierte Hilflosigkeit
  • Sie hat mit Abwertung und Empathieverlust zu tun
  • Macht erzeugt Gegenmacht
  • Macht zerstört Motivation
  • Macht zerstört Vertrauen

Ein kurzer Check zwischendrin.

Checken Sie sich zunächst selbst.

  • Kaschiere ich durch bewusstes Demonstrieren von Macht Hilflosigkeit – und wenn ja wobei genau?
  • Wo werte ich ab und handele empathielos?
  • Wo initiiere ich Machtspiele – Macht und Gegenmächte?
  • Beobachte ich an mir zerstörte Motivation?
  • Wo finde ich bei mir zerstörtes Vertrauen?

Notieren Sie sich jetzt Ihre Beobachtungen zu dysfunktionalem Machtgebrauch in Ihrer Umgebung:

  • Bei wem kaschiert bewusstes Demonstrieren von Macht Hilflosigkeit?
  • Wo wird abgewertet und empathielos gehandelt?
  • Wo entstehen Machtspiele – Macht und Gegenmächte?
  • Wo finde ich zerstörte Motivation vor?
  • Wo finde ich zerstörtes Vertrauen vor?

Dieser Check ist nicht selbsttherapeutisch ausgelegt, sondern soll Sie für sich und andere sensibilisieren. Mehr zum Umgang mit sich und Dark Leadership lesen Sie in unseren einzelnen Beiträgen, in denen auch Testverfahren hinterlegt sind.

Machtmissbrauch riechen. Aber nicht ohne Selbstreflexion.

Mit dem richtigen Verständnis, was Macht bedeutet, können Sie zum Macht-Riecher werden. Als professionelle Spürnase wittern Sie, wenn Machtverhältnisse und Machtverhalten beginnen, ins Negative und Dunkle zu kippen. Was Sie dabei immer vor Augen haben sollten, sind Sie selbst. Analysieren Sie sich: Wo ist mein innerer Anteil an dunkler Macht? Suchen Sie das Gespräch mit einem vertrauten Menschen und analysieren Sie gemeinsam, wo auch Sie selbst Ihre dunklen Seiten haben.

Es läutet, die Geschichtsstunde ist aus. Schnell zusammenfassen bevor wir uns die große Pause stürzen.

Wir haben gelernt, dass Bürokraten machtbewusster sind als wir annehmen. Darin ähneln Sie manchem Dark Leader, der seine Machtbasis taktisch klug und rücksichtslos aufbaut und irgendwann zuschlägt – meist im Verborgenen. Das Recht des Stärkeren, das der Melierdialog in die Welt gesetzt hat, ist das Lebenselixier der dunklen Raute, die sich machiavellistischer Machterhaltungsprinzipien bedient. Wo es heute so ist, dass wir als freie Bürger unsere Macht an den Staat delegieren, entführen Dark Leader den Leviathan und gestalten ihr eigenes Machtrevier wie eine Art Staat im Staat. Nietzsche treibt es auf die Spitze, indem er allen Ernstes die Gleichung gut = Macht erhöhen aufstellte. In allem und jedem ruht ein einziger Kern: Der Wille zur Macht. Wo bitte steuern wir hier nur hin?

Max Webers Definition hilft uns für eine differenzierte Einordnung der zu beobachtenden Machtspiele, rettet aber nicht vor der Schubumkehr der Zivilisation, die in besonders krassen Fällen psychopathischer, soziopathischer oder machiavellistischer Führung zu Tage tritt. Stanford sei uns Warnung, nicht alles auf die Gene zu schieben. Denn Macht und Machtmissbrauch können strukturimmanent sein, und am Ende ist es die Rolle, die das Individuum auf seine Weise ausfüllt, manchmal auch zum Schaden anderer Menschen. Auf der Suche nach dem Spezifischen der Macht flüstert uns schließlich Foucault ins Ohr: Es ist die Führung!

Wir sehen, einfach ist es nicht. Natürlich hat das niemand behauptet. Willkommen bei unserem Experiment der dunklen Raute der Führung.

Fußnoten

1 https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/kunstraum/holger-dreissig-100.html (vom 3.2.2018)
2 Siehe https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/kunstraum/holger-dreissig-100.html (17.3.2018)
3 Byung-Chul Han: Was ist Macht? S. 7
4 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Melierdialog (vom 27.1.2018)
5 Andreas Anter, Theorien der Macht, S. 21.
6 Paulus, Der Brief an die Römer, 13,1. Zitiert aus Neue Jerusalemer Bibel. Hrsg. von A. Deissler u.a. Stuttgart 1980.
7 Siehe dazu ausführlich Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt a.M. 2009, u.a. S. 329-378.v
8 Siehe A. Anter, a.a.O., S. 23-25.
9 S. ebd., S. 26-32.
10 Zitiert bei A. Anter, a.a.O., S. 41.
11 S. ebd., S. 41f.
12 Zitiert bei A. Anter, a.a.O., S. 55.
13 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. v. J. Winckelmann, 5. Aufl., Tübingen 1985, S. 28. Zitiert bei A. Anter, a.a.O., S. 55.
14 S. A. Anter, a.a.O., S. 58f.
15 Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre, in: ders., Werke in drei Bänden, Bd. III, hg. von Karl Schlechta, München 1982, S. 552. Zitiert bei A. Anter, a.a.O., S. 39.
16 Rüdiger Safranski: Nietzsche. Biografie seines Denkens. Lizenzausgabe Hamburg 2006/2007, S. 288.
17 S. ebd., S. 288.
18 Ebd., 297.
19 S. A. Anter, a.a.O., S. 94f.
20 Siehe dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Elias (vom 3.2.2018)
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation (vom 3.2.2018)
21 Falko von Ameln; Peter Heintel: Macht in Organisationen. Denkwerkzeuge für Führung, Beratung und Change Management. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 2016, von Ameln, a.a.O., S. 118.
22 A. Anter, a.a.O., S. 120.
23 S. ebd., S. 121.
24 Ebd., S. 121.
25 S. ebd., S. 125.
26 S. ebd., S. 103.
27 S. ebd., S. 115.
28 S. ebd., S. 105.
29 S. ebd., S. 105.
30 von Ameln, a.a.O., S. 63.
31 Siehe zur Aufzählung ebd., S. 63-69.

Literatur

Falko von Ameln; Peter Heintel: Macht in Organisationen. Denkwerkzeuge für Führung, Beratung und Change Management. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 2016

Andreas Anter: Theorien der Macht zur Einführung. Hamburg: Junius, 2012

Byung-Chul Han: Was ist Macht? Ditzingen: Reklam, 2005

Neue Jerusalemer Bibel. Hrsg. von A. Deissler u.a. Stuttgart 1980

Rüdiger Safranski: Nietzsche. Biografie seines Denkens. Lizenzausgabe Hamburg 2006/2007

Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt a.M. 2009